Reiches Berater warnen: Teurer Wohnraum bremst Deutschlands Wachstum, Eigentümer sollen mehr zahlen
Der Wissenschaftliche Beirat des deutschen Wirtschaftsministeriums sieht im Wohnungsmangel ein Hemmnis für das Wachstum. Wer für einen besseren Job umzieht, verliert den Lohnvorteil an die Miete. Das Gremium will Eigentümer stärker an den Kosten neuer Baugebiete beteiligen.
Der Wohnungsmangel in Deutschland ist laut einem neuen Gutachten nicht nur ein soziales Problem. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium, der Ministerin Katherina Reiche berät, sieht darin eine Bremse für Wachstum und Produktivität. Das Gutachten wurde am 2. November bekannt, zuerst berichtete das Handelsblatt. Dem Beirat gehören 37 Ökonomen und Juristen an, den Vorsitz hat der Kölner Ökonom Felix Bierbrauer. Federführender Autor ist Christian Bayer.
Der Lohnvorteil verschwindet in der Miete
Der Kern des Arguments: Hohe Wohnkosten erschweren den Wechsel in produktivere, besser bezahlte Stellen. Wanderungen folgen laut Gutachten immer weniger den regionalen Lohnunterschieden, weil Lohnzuwächse zunehmend in höhere Wohnpreise fliessen. Eine Zahl zeigt das laut Handelsblatt: Bei einem Job mit 1 % höherem Lohn stiegen die zusätzlichen Wohnkosten am neuen Ort von 0,3 bis 0,4 % im Jahr 2000 auf fast 1 % im Jahr 2023. Der Lohnvorteil ist damit praktisch aufgezehrt.
Laut einer zitierten Forsa-Umfrage haben 12 % der berufstätigen Mieter in den letzten Jahren einen Job abgelehnt, weil das Leben am Arbeitsort zu teuer gewesen wäre. Bei einem durchschnittlichen Haushalt macht die Miete nach Angaben von Bayer knapp 30 % der Konsumausgaben aus, 2003 waren es unter 24 %. Der Mangel erschwert zudem die Suche nach ausländischen Fachkräften. «Die Investitionsschwäche in Deutschland ist vor allem eine Bauschwäche», sagte Bayer.
Die Lücke ist gross. Geschätzt fehlen mehr als eine Million Wohnungen. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sieht bis 2030 einen Bedarf von rund 320 000 neuen Wohnungen pro Jahr. Das Ifo-Institut erwartet für 2027 und 2028 jeweils weniger als 200 000 Fertigstellungen.
Bauland lohnt sich für Gemeinden kaum
Ein Haupthindernis sieht der Beirat bei den Kommunen. Sie bezahlen Schulen, Kitas, Sportanlagen und Verkehr, während der Wertgewinn des Bodens meist an private Eigentümer geht. Neues Bauland gilt ihnen deshalb als Verlustgeschäft. Die Ökonomen rechnen das an einem hypothetischen Beispiel in Bonn vor: Ein 64 Hektar grosses Feld würde als Bauland um rund 300 bis 450 Mio. Euro (CHF 275 bis 413 Mio.) wertvoller. Platz wäre für etwa 4000 Wohnungen. Allein die Schulen kosteten mindestens 70 Mio. Euro (CHF 64 Mio.), eine Tramverlängerung rund 50 Mio. Euro (CHF 46 Mio.).
Der Beirat schlägt deshalb eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage oder einen Planungswertausgleich vor. Wer durch neues Baurecht gewinnt, soll stärker mitzahlen, auch über das Baugebiet hinaus. Dazu kommen pauschal mehr Geschossfläche in älteren Bebauungsplänen, leichtere Erweiterungen in bestehenden Siedlungen und Steuererleichterungen für berufsbedingte Umzüge. Mehr Baurecht wirkt laut AD HOC NEWS allerdings nur verzögert, und der Konflikt zwischen Verdichtung, kommunalen Kosten und lokalem Widerstand bleibt.
Quellen
- Berater: Teurer Wohnraum bremst Wirtschaftswachstum (02.11.2026) – Handelsblatt/dpa
- Reiche-Berater sehen in teuren Wohnungen massive Wachstumsbremse (02.11.2026) – Handelsblatt via Head Topics
- Wohnraummangel bremst laut Reiche-Beratern Wirtschaftswachstum (02.11.2026) – AD HOC NEWS/dpa
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