Grossbritannien saniert seinen Haushalt allein über Steuern: Steuerquote soll auf 38,6 % steigen
Die britische Regierung will die Neuverschuldung bis 2029 kräftig senken und setzt dabei fast ausschliesslich auf höhere Einnahmen. Ökonomen warnen, dass Haushalte und Firmen an die Grenze ihrer Belastbarkeit kommen.
Wenige Tage nach dem Budget von Schatzkanzler John Healey vom 28. Oktober wird klarer, wie einseitig der britische Sparkurs ist. Laut einer Auswertung der Nachrichtenagentur Bloomberg, die cash.ch am 1. November veröffentlichte, will die Regierung die Nettoneuverschuldung über die fünf Jahre der laufenden Legislatur um 76 Mrd. Pfund (CHF 84 Mrd.) senken. Die Denkfabrik Resolution Foundation beziffert die gesamte Haushaltskonsolidierung, also das Zurückfahren des Defizits, auf 107 Mrd. Pfund (CHF 118 Mrd.). Sie stammt nach ihrer Rechnung vollständig aus Steuererhöhungen.
Ab 2028 sind zusätzliche Steuern von rund 6 Mrd. Pfund (CHF 6,6 Mrd.) pro Jahr eingeplant, während die Budgets der Ministerien im Schnitt um 3 Mrd. Pfund (CHF 3,3 Mrd.) jährlich wachsen. Bei den Sozialleistungen will Healey vor der nächsten Wahl, die 2029 erwartet wird, nicht kürzen.
Höchste Steuerlast seit dem Zweiten Weltkrieg
Die Haushaltsaufsicht Office for Budget Responsibility (OBR) rechnet damit, dass die Steuereinnahmen von 36 % des Bruttoinlandprodukts im vergangenen Jahr auf 38,6 % im Fiskaljahr 2031/32 steigen. Zwischen 1997 und 2020 lag die Steuerquote im Schnitt bei 32,7 %. Den grössten Teil des Anstiegs bringen eingefrorene Steuerfreibeträge: Steigen die Löhne, rutschen Millionen Erwerbstätige in höhere Steuerstufen, ohne dass der Steuersatz offiziell erhöht wird. Weil Labour versprochen hat, die vier wichtigsten Steuersätze nicht anzutasten, sind viele Massnahmen administrativer Art. Fünf davon stuft das OBR als sehr unsicher ein.
Historisch ist das ungewöhnlich. Der konservative Schatzkanzler George Osborne teilte seine Sanierung ab 2010 im Verhältnis 80 zu 20 zwischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen auf. Adam Slater, Chefökonom von Oxford Economics, verweist laut Bloomberg auf Studien, wonach Sanierungen eher gelingen, wenn sie vor allem auf der Ausgabenseite ansetzen. Paul Dales von Capital Economics sagte, es gebe eine Grenze dessen, was man Haushalten und Firmen abverlangen könne, ohne dem Wachstum zu schaden. Diese Grenze sei möglicherweise erreicht.
Schwächstes Einkommenswachstum seit Jahrzehnten
Gleichzeitig leiden die Haushalte unter dem Energieschock infolge des Iran-Kriegs. Die Resolution Foundation erwartet, dass die durchschnittliche Energierechnung 2027 auf 2210 Pfund (CHF 2440) steigt, 38 % mehr als 2026. Das real verfügbare Einkommen pro Kopf liegt laut der Denkfabrik 420 Pfund (CHF 464) unter dem Stand von vor zwei Jahren und dürfte sich erst im April 2029 erholen. Es wäre die zweitschwächste Legislatur für den Lebensstandard seit den 1950er-Jahren. Helen Miller, Direktorin des Institute for Fiscal Studies, warnte, dieses Jahrzehnt könnte das schlechteste je gemessene für das Einkommenswachstum werden.
Auch die Reserve ist dünn. Der Spielraum gegenüber der Fiskalregel beträgt 2029/30 nur noch 14,5 Mrd. Pfund (CHF 16 Mrd.). Gemessen an typischen Prognosefehlern könnte laut Resolution Foundation stattdessen ein Loch von 26 Mrd. Pfund (CHF 29 Mrd.) entstehen. Zudem treiben höhere Zinskosten die Kreditaufnahme vor neuen Massnahmen um durchschnittlich 11 Mrd. Pfund (CHF 12 Mrd.) pro Jahr nach oben.
Quellen
- Grossbritannien wagt fiskalpolitischen Grenzgang (01.11.2026) – cash.ch / Bloomberg
- Budget balancing act leaves families braced for tough winter and four-year living standards downturn (28.10.2026) – Resolution Foundation
- 'Worst decade on record': Healey's Budget promises collide with grim warning on household incomes (29.10.2026) – London Loves Business
Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen recherchiert und in eigenen Worten verfasst. Er dient der Information und ist keine Anlageberatung.